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Der zweifelhafte Ruf der Muscle Memory

Die berühmte Muscle Memory ist etwas Wunderbares – wenn sie uns dient.
Doch sie ist gleichzeitig (neben der Schwerkraft) unser größter Feind im Paartanz.

Gerade sehen wir das in unseren Workshops beim Euro Dance Festival im Europapark: 
Erfahrene Tänzer:innen sollen ein neues Bewegungskonzept integrieren. Sie finden es spannend. Sie wollen es umsetzen. Sie geben sich Mühe.
Und dann – Autopilot.
Die Muscle Memory übernimmt.
Das Alte gewinnt.
Das Neue bekommt keinen Raum – weil das Gewohnte lauter schreit.

Was tun?

Der erste Schritt ist unbequem – aber entscheidend:
Du musst zuerst überhaupt wahrnehmen, was du wirklich tust. Und das mit dem vergleichen, was vorgegeben wurde.
Genau hier scheitern die meisten.

Im Paartanz jonglieren wir mit so vielen Bällen gleichzeitig: Musik, Partner, Raum, Rhythmus, Technik. Und jetzt sollen wir auch noch unsere eigenen Bewegungen analysieren?
Das ist anspruchsvoll. Und völlig normal, wenn es nicht sofort klappt.

Auch wir Tanzprofis sind voll von Bewegungsgewohnheiten, die wir uns mühsam wieder abtrainiert haben.
Wir sind keine Maschinen. Wir sind trainierte Gewohnheitstiere.
Und manche Gewohnheiten kleben wie Kaugummi unter dem Tanzschuh.

Der Weg aus der Gewohnheit

Gehen wir davon aus, du hast es erkannt.Du spürst: „Ah. Genau da rutsche ich wieder ins Alte.“
Erstmal: Gratulation!
Denn ohne Bewusstsein keine Veränderung.

Jetzt kommt der Teil, den die wenigsten hören wollen:
Du musst die neue Bewegung isoliert üben!
Ohne Partner.
Ohne Musik.
Langsam.
Kontrolliert und bedacht.
Und öfter, als es dir lieb ist.
Warum?
Weil dein Körper vergleichen muss. Alt gegen neu. Gewohnheit gegen Entscheidung.
Neue neuronale Verbindungen entstehen nicht, weil du es einmal „verstanden“ hast – sondern weil du es wiederholt erlebt hast.

Aber Achtung: Damit ist es noch nicht geschafft.Erst wenn du die Bewegung wieder in den Paartanz integrierst, siehst du, ob sie wirklich sitzt.
Ob sie unter Druck und unter Stress hält.
Ob sie bleibt – oder wieder flüchtet.

Der entscheidende Unterschied

Auf dem Social Dancefloor tanzen wir fast ausschließlich das, was bereits automatisiert wurde.
Selten schaffen wir es sie bewusst zu steuern.
Und jetzt die ehrliche Frage:
Wollen wir das überhaupt?
Wollen wir beim Social Dancing ständig kontrollieren, analysieren, korrigieren?
Oder wollen wir im Moment sein, den Flow spüren, uns fallen lassen?
Eben…

Genau deshalb passiert das bewusste Üben vorher.
Nicht währenddessen.
Du baust im Training die Qualität auf, du automatisierst sie – damit du im Social genießen kannst.

Fazit

Ich würde dir gerne eine Abkürzung anbieten, aber es gibt keine!
Wenn du dich geschmeidig, kontrolliert und kreativ auf der Tanzfläche bewegen willst, musst du dein Muskelgedächtnis zu deinem Verbündeten machen. Indem du dich aktiv damit auseinandersetzt.
Das ist bei Gott nicht leicht. Ich fühle mit dir!

Aber Hand aufs Herz:
Ist irgendetwas, das uns wirklich im Leben wichtig ist, jemals leicht gewesen?
Die Alternative wäre: Alles bleibt wie es ist. Das wird dir noch weniger gefallen.

Ich wünsche dir Kraft und Ausdauer immer wieder an deinen Tanz-Baustellen zu arbeiten und dich und deine Tanzskills immer wieder weiter zu entwickeln. 💪

Liebe Grüße aus dem Europa Park in Rust,

Dado